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In allen Zeitungskiosks erhältlich ISBN 3-9808747-5-3 Kurze Entstehungsgeschichte Die Bewegungen des Shayuquan sind frei, die "inneren" Techniken entspringen physikalischen Fakten und seine Terminologie bezieht sich hauptsächlich auf diese. Folglich entfernt sich Shayuquan von den traditionellen Unterrichtsmethoden der "inneren" Kampfkünste, wo die Nachahmung eines "Meisters" den Weg zum eigenen Stil erschwert, wenn nicht sogar versperrt. Shayuquan ist nicht vom Himmel gefallen: Es ist das Ergebnis praktischer und theoretischer Studien, die ich 27 Jahre lang auf dem Gebiet des Taijiquan und verschiedenster "innerer - weicher" und "äußerer - harter" Kampfkünste durchführte. Als ich 1992 begann die Shayuquan-Schule zu entwickeln, verfügte ich bereits über brauchbare Fähigkeiten und Kenntnisse auf dem Gebiet der inneren Kampfkünste. Ich hatte sie allerdings auf sehr eigenartigen Wegen erlangt und musste bald einsehen, dass ein breiter Interessentenkreis diese Wege nicht einschlagen konnte. Ich musste innovative didaktische Methoden erschaffen, die anderen erlauben würden, sich Schritt für Schritt mein Wissen und Können anzueignen. Ich gründete daher im Jahre 1993 das "European Institute for T'ai Chi Studies e. V." und arbeitete mit den Mitgliedern an diesem Projekt. Ich hatte vor, eine Schule in die Welt zu setzen, in der man auf intelligente und kreative Weise lernt, frei von formellen Korsetten, Mystifizierungen und philosophischen Sophistereien. Sie sollte auch nicht die Fachsprachen traditioneller innerer Kampfkünste verwenden: Diese entstammen altertümlichen asiatischen Kulturen und führen regelmäßig zu sterilen Diskussionen über ihre wahre Deutung. Allerdings haben alle inneren Kampfkünste einen allgemeinen Nenner: die Effizienz, also mehr Wirkung erzielen mit weniger Energieaufwand und Substanzverschleiß. Das war ein realer Leitfaden für unsere Forschungen. Ohne diesen wäre die Lehre des Shayuquan ein Potpourri von Meinungen und Methoden anderer innerer Kampfkünste geworden. So ergab sich, dass die heutigen didaktischen Methoden des Shayuquan auf klaren physikalischen und physiologischen Fakten basieren die jeder auf Anhieb verstehen und anwenden und damit seine eigenen Fortschritte einschätzen kann. Ich bedanke mich herzlichst bei all denjenigen, die beigetragen haben, jeder auf seine Weise, dieses Vorhaben erfolgreich zu Ende zu bringen. Ein bedeutender Teil des Shayuquan-Lehrprogramms entstammt einer wissenschaftlichen und praktischen Analyse der berühmtesten Taijiquan-Traktate, insbesondere des "Jing", das Meister des Altertums zu ihrer fundamentalen Schrift machten. Diese Analyse wurde hauptsächlich im Lichte der Sinologie, der newtonschen Physik und der funktionellen Anatomie durchgeführt. Die Bionik hat ebenfalls eine entscheidende Rolle gespielt: Es handelt sich hierbei um ein wissenschaftliches Verfahren, das technische Probleme zu lösen versucht, indem man die Wirkungsweise von natürlichen Modellen studiert. Wie soll man sich Shayuquan vorstellen? Shayuquan erinnert an ein fließendes, bequemes, aber sehr lebhaftes Taijiquan, daher der Name "Hai Faust", der auf die Bewegungsart der Könige der Meere deutet. Shayuquan fängt mit der Entdeckung von versteckten Energien und ungeahnten Steuerungsmöglichkeiten der Körperstruktur an, die man auch als "innere Arbeit" bezeichnen kann. Einige Beispiele: Macht man das Zwerchfell zum aktiver Teil des Fortbewegungsapparats, entdeckt man eine effektive Art des "Qigong", das belebend auf den Rücken wirkt; Lässt man sein Skelett mittels einfachsten Techniken sich selbst organisieren, entdeckt man die Wirkungsweise natürlicher Kohäsionskräfte, die die Körperstruktur ohne willkürlichen Krafteinsatz zusammenhalten; Aktiviert man ein bestimmtes Areal der Wirbelsäule, entdeckt man motorische Verbindungsmöglichkeiten des Oberkörpers zu den Beinen; usw. Die sichtbaren
Shayuquan Formen entstehen zum Teil aus dieser "inneren
Arbeit" aber auch aus anderen, einfacheren Techniken, wie
man später sehen wird. Will man sich die Shayuquan Soloform
vorstellen, denke man an eine kurze Yang- oder Wu-Stil Soloform,
wo allerdings geometrische Richtungsänderungen durch andere
ersetzt werden, die den Möglichkeiten des freien Spielraums
der Gelenke jedes einzelnen Übenden entsprechen. So entstammen
Shayuquan Solo- und Partnerformen aus vorhandenen Funktionen
des Körpers, der sich fremdbestimmten Verhaltensmodellen
nicht anpassen muss und sich so frei entfalten kann. Die natürlichen Prototypen der Shayuquan-Formen Der Shayuquan-Unterricht verfügt über einen Kern aus Übungen und Grundtechniken, die großen Raum für die Kreativität jedes einzelnen Schülers gewährleisten. Zweck des Trainings ist zuerst die Entwicklung der körperlichen Wahrnehmung (sensomotorisches Training), dann der Bewegungsfreiheit und der Fähigkeit zu improvisieren und alle Muskeln zusammenwirken zu lassen (Muskelsynergie). Die hier beschriebenen Methoden und Übungen benötigen die Anweisungen eines autorisierten Anleiters. Die erste Methode des Shayuquan führt zur Entwicklung einer regen und gefühlvollen Muskelkraft, die alte Taijiquan-Schulen die "bewegliche Kraft eines Rebstocks" nannten, im Gegensatz zur "steifen Kraft eines Holzstocks". Sie erlaubt, versteckte Bewegungsmöglichkeiten des Körpers zu finden und zu nutzen. Sie besteht aus sich immer ändernden Variationen elementarer Bewegungen: Diese nenne ich die "Natürlichen Prototypen" aller Shayuquan-Formen. Es sind: Fallen und Aufstehen, Hocken und sich Aufrichten, die Wirbelsäule in Wellen Bewegen, Gehen, Rennen, Springen, Robben, Schieben, Ziehen, Greifen und Treten. Mit diesen Prototypen anzufangen hat enorme Vorteile: Sie verursachen nicht den Lernstress, der auftritt, wenn man unbekannte Formen assimilieren muss, aber man kommt manchmal spontan auf Formen, die an Xingyiquan, Baguaquan oder andere chinesische oder westliche Stilrichtungen erinnern.
![]() Abb. 1: Spalten mit der Handkante ist ein natürlicher Prototyp vieler Shayuquan-Formen. Abb. 2 & 3: Anwendungen: Im Training wird der Partner nur berührt, weder geschlagen noch getreten, obwohl es in der Foto Nr.2 nicht so aussieht, da der Angreifer selber in die Bewegung des anderen hineinläuft. Der Effekt kommt dadurch zustande, dass die eigene spontane Körperorganisation im Schwerfeld, im Bewegungsraum des Gegners blitzartig eindringt.
Abb. 1: Der "Pinzettengriff" von Kleinkindern ist der natürliche Prototyp aller Shayuquan Handtechniken, wie Greifen, Schlagen, Stoßen und Ziehen. Abb. 2: Das archaische chinesische Zeichen für "Quan", Faust. Es zeigt "zwei Hände, die Getreide sammeln"; eine andere Interpretation wäre "die Fährte eines wilden Tieres verfolgen". Zwei Handlungen die feine Körpersteuerung und Aufmerksamkeit erfordern. Daher wird Shayuquan bereits bei der ersten Lektion mit unmittelbarem Erfolg assoziiert, was zu einem positiven Lernfeedback führt. Anfänger lernen dann einige Prototypen zu einer Soloform zu verketten und sie auf verschiedenste Weise auszuführen: schnell oder langsam oder beides, mit großen oder kleinen Bewegungen und mit wechselnder Muskelanspannung. Das gleiche Variationsprinzip wird in Partnerspielen wie kontrolliertem Ringen und Sparring (Sanshou), Stockformen, Händeschieben und Händeziehen (Tuishou und Dalü) angewendet. Beide Spieler versuchen möglichst viele Variationen von Bewegungen, Geschwindigkeit und Kraft zu finden. Je mehr sie es tun, desto mehr Variationen finden sie: So nimmt die Fähigkeit zu improvisieren stetig zu.
![]() Abb. : "Spielen
ist die höchste Form der Forschung." (Albert Einstein) Diese Bewegungsspiele bilden nicht nur den fruchtbaren Boden, auf dem fortgeschrittene Techniken gedeihen werden: Sie haben auch unmittelbare Effekte. Nach zehn Minuten dieser Variationsübungen werden alle Schüler die Müdigkeit und die Rückenschmerzen eines Arbeitstages los. Ihre Gesichter zeigen Freude und geistige Konzentration; Witze werden ab und zu ausgetauscht und die Zeit vergeht wie im Traum. ![]() Die Weisheit hinter diesem Lernphänomen ist einfach und natürlich: Was für die freie Bewegung geschaffen ist, muss sich frei bewegen - die Muskeln; was zum Befehlen geschaffen ist, muss befehlen - das Gehirn; und was zum Erfreuen geschaffen ist, muss sich freuen - das Herz. Diese Bewegungsvariationen führen nicht nur zu einer flexiblen Muskelkraft, weil sich viel mehr Muskeln zusammen bewegen als bei festgelegten Formen. Sie führen auch dazu, dass Muskeln und Haut langsam zu der Empfindung für Druck und Spannung von Neugeborenen zurückfinden. In späteren Stadien kann man sogar die motorischen Impulse anderer "lesen" - manchmal auch ihre Absichten -, bevor man sie berührt.
Abb. 1 & 2: Geben und Zugreifen: zwei andere natürliche Prototypen, mit denen man lernt, Hände und Finger schnell und präzise zu steuern. Eine Kraft der Natur nutzen Die Variationen der "Prototypen" bereiten Schüler für eine wichtige Technik vor. Sie erlaubt die Gravitation (Schwerkraft) effizient zu nutzen. Es ist wohlbekannt, dass die Gravitation alle unsere Bewegungen permanent beeinflusst: Man kann sich ihrer Wirkung nicht entziehen. Gravitation drückt uns ständig nach unten, daher die lateinische Etymologie, "gravare", die man auch in Wörtern wie "gravieren, gravierend" und "Gravierung" wiederfindet. ![]() Abb. : Gravitation oder "die Kraft, die nach unten drückt". Daher spielen die Füße im Shayuquan die Hauptrolle in der spontanen Organisation des Körpers im Schwerfeld. Um das wirklich zu verstehen, führe man ein Experiment aus, von dem ich zunächst erzählen möchte, wie mir die Idee dazu kam. Ich lebte im Jahre 1971 auf der Insel Malta. Eines Tages ging ich zum Metzger, um ein Pfund Steak zu kaufen - damals wurde das britische Maßeinheitensystem benutzt. Er schnitt ein Stück Steak ab, ließ es zwei Mal auf seiner Handfläche hüpfen und sagte: "Ein Pfund genau. Sonst noch was?" Ich antwortete - wie der Skeptiker, der ich bin: "Würden sie das bitte auf die Waage legen?" Das tat er und die Waage zeigte genau ein Pfund, keine Unze mehr oder weniger. Zu Hause wog das Stück auf meiner Küchenwaage immer noch genau ein Pfund. Jahre später kam ich auf den Gedanken, dass die wachsame Beschäftigung mit geringen Gewichten zu einer hohen Sensibilisierung der Muskulatur führen kann. Zurück zum Experiment: Man braucht einen Assistenten und ein Gewicht von zirka ein Kilo, beispielsweise eine kleine Hantel. Man streckt den Arm vor sich aus, die Handfläche nach oben. Dann legt der Assistent die Hantel vorsichtig auf die Handfläche. Die Aufgabe besteht darin, den Arm absolut still zu halten, wenn die Hantel die Hand berührt. Einfach, möglich? Man wird einsehen müssen, dass egal, was man tut, der Arm zuerst der Wirkung der Hantel, also der Gravitation, nachgibt. Er bewegt sich immer zuerst nach unten, dann nach oben, um sich dann zu stabilisieren. Man kann nichts dagegen unternehmen, auch wenn man aus Stahlbeton gebaut wäre, denn jede Struktur muss sich einer Gewichtseinwirkung mit einer Verformung anpassen. Schwer nachzuvollziehen, aber man bedenke Folgendes: Erstens, die Gravitation ist eine konstante Beschleunigung von zirka 9,81 m/s/s aller Massen Richtung Erdmitte; zweitens, neuromotorische Impulse haben eine Frequenz, daher wirken sie nicht konstant und werden durch eine komplizierte Kette an Reflexen ausgelöst. All das braucht seine Zeit und so können Muskeln auf die konstante Beschleunigung der Gravitation nur reagieren und nie im voraus agieren. So bestimmen physikalische Gesetze die Wirkungsweise unserer Muskeln. Es wäre dann gut und logisch, wenn sie lernen, die Wirkung der Gravitation schnell zu spüren, bevor sie unsere Bewegungen allzu viel erschwert - und zwar buchstäblich. Die "inneren" Techniken des Shayuquan sind auf Grund dieser Überlegung entwickelt worden. Die "Gravitationstechniken" des Shayuquan Was folgt ist notwendig, um sich eine Vorstellung davon zu machen, wie die "inneren" Techniken des Shayuquan funktionieren. Fragen drängen sich jetzt auf. Erstens: "Kann man sich diese Naturkraft zielgerichtet zu Nutze machen?" Zweitens: "Ein Segler benutzt die Kraft des Windes und verschwendet keine Energie, um dagegen zu rudern. Warum sollte es nicht möglich sein, die Gravitation auf ähnliche Weise zu nutzen?" Drittens: "Können unsere Muskeln zu `Gravitations-Segeln´ gemacht werden?" Viertens: "Kann man sie dann so steuern, dass sie einen dorthin bewegen, wohin man will, ohne Mühe?" Alle diese Fragen fanden später eine positive Antwort. Wie sieht es aber praktisch aus? Hier kann ich nur einen Vorgeschmack dessen geben, was man praktisch erfahren und Schritt für Schritt lernen kann. Wenn man so weit ist, dass man seine Muskeln flüssig bewegen kann, dann werden diese zu fließenden Gewichten und das Skelett organisiert sich in einer lebendigen und tragenden Verbindungslinie zum Boden. Was passiert, wenn man einen Gegner berührt, der dies nicht gut kann? Die eigenen fließenden Muskelgewichte wirken auf ihn, wie die Hantel des Experiments. Das tun sie allerdings für viel längere Zeit, denn es sind "intelligente" Gewichte, die man immer wieder zum Fließen bringen kann, bevor sie sich stabilisieren. Die Muskeln des Gegners geben sofort nach und er verliert die Kontrolle über seine Bewegungen. So nutzt man die Wirkung der Gravitation gegen ihn und spürt selbst dabei kaum Widerstand. Worauf es in den "inneren" Kampfkünsten in erster Linie ankommt, ist, dass man intelligente Bewegung gegen spontane Muskelkraft einsetzt.
Abb. 1: Tendieren einige Körperteile des Gegners dazu, in der Bewegung passiv hin und her zu schwingen, so reicht der Einsatz von fein gesteuerten Körpergewichten, um ihn sanft nach unten zu führen. Abb. 2: Optimal organisierte Körpergewichte lassen die Körperstruktur ungeahnte Energien freisetzen - auch nach oben. Zusammenfassung Die Lehrmethode des Shayuquan wurde jahrelang auf ihre Logik und Wirkung getestet. Sie baut auf unzweideutige "Vorher-Nachher" Effekte von Übungen und Techniken auf, die fast unmittelbar auftreten. Man versteht genau, was man tut, und kann sich selbst beweisen, dass es wirklich funktioniert. Man könnte jetzt fragen, ob Shayuquan zur Entwicklung von "Qi" und "innerer Kraft", zum Verständnis von "Sung", "Dantian" und zur "Yin/Yang-Harmonie" führt. Die Antwort ist ja, aber indem man mit greifbaren und beobachtbaren Tatsachen arbeitet, die zu keinem der Missverständnisse leiten, die Spekulationen über die Bedeutung von altchinesischer Terminologie oder machtversprechenden Gedankengebäuden entstammen. Obwohl Shayuquan eine moderne Schule ist, vertritt sie die uralte Weisheit der inneren Kampfkünste: "Bewege dich wie Wasser". Wasser fließt immer nach unten, es hat keine Form, aber nimmt die Form seines Gefäßes an, und es geht immer den Weg des geringsten Widerstandes. ![]() Ömer Humbaraci European Institute for T'ai Chi Studies e.V. Homepage : www.shayuquan.de Email : shayuquan@eurotaichi.de tel: +49 (0)40 - 218 454 Ömer Humbaraci ist Gründer des European Institute for T'ai Chi Studies e. V., in dem er das Shayuquan entwickelt hat. Er praktizierte orientalische und westliche Kampfkünste über 45 Jahre, besonders Wado-Ryu Karate, Yang-Stil Taijiquan, "Inneres Boxen" und freies Fechten und entwickelte alternative Heilmethoden, die auf dem Nutzen der Schwerkraft und der Atmung basieren. Er publizierte zahlreiche Artikel über Grundfragen der inneren Kampfkünste und ist neben der Sinologin und Heilpraktikerin Juliane Koch Co-Autor des Buches "Erfolgsorientierte Rückenschule - eine bahnbrechende Methode". Ömer Humbaraci ist Brite türkischer Abstammung, geboren 1945 in Istanbul, Architekt, Designer, Publizist, Taucher, Fotograf und Forscher, 1978 Pionier des Yang-Stil Taijiquan in Norddeutschland. |